Nach fest kommt ab
Wir kennen das doch alle: Das Wetter ist herrlich, das Bike steht draußen, und eigentlich müsste man nur mal kurz diese eine Kleinigkeit fixen. „Das hab ich in fünf Minuten erledigt“, murmelt man selbstbewusst vor sich hin, greift zum Maulschlüssel und verzichtet großzügig darauf, vorher mal kurz das Werkstatthandbuch (oder Google) zu befragen. Man ist ja schließlich kein Anfänger.
Tja. Spoiler-Alarm: Manchmal ist man eben doch der Depp in der eigenen Werkstatt.
Die Tage wollte ich eigentlich nur eine neue Halterung für die Fernbedienung der GoPro am Rückspiegel anbringen. Dazu Rückspiegel weg, Halterung übers Gewinde und Rückspiegel wieder drauf. Einfache Sache, hat soweit auch geklappt.
Jetzt muss halt noch der Rückspiegel neu eingestellt werden. Also Kontermutter auf, Rückspiegel drehen, Kontermutter zu. Fertig. Soweit die Theorie. Eine Sache von Sekunden, dachte ich.
Die Falle mit der Kontermutter
Ich setzte also den Schlüssel an der Konterschraube an. Ein kurzer Ruck nach links – ganz klassisch „nach links drehst du auf, nach rechts ziehst du zu“. So lernt man das ja im Leben. Die Schraube bewegte sich keinen Millimeter.
„Na wartet, du kleines Biest“, dachte ich mir noch, legte etwas mehr Schmalz in die Arme und drückte kräftig gegen den Widerstand. Nichts tut sich. Rückspiegel raus, rein in den Schraubstock, Maulschlüssel und Hammer. Nichts.
Also das Projekt Fernbedinungshalter aufgegeben, Rückspiegel wieder in alter Position angebracht. Schade.
Dann einem Kumpel erzählt. Er sofort: „Ich habe einen Schlagschrauber mit Nuss, das bekommen wir hin“. Hurra!
Gleich am nächsten Tag machten wir uns ans Werk. Rückspiegel wieder raus, Kontermutter in den Schraubstock und Nuss auf die untere Mutter und los mit dem Schlagschrauber. Erst tut sich wieder nichts. Seltsam. Bis dann ein ungesundes, metallisches Knack ertönte. Mein erster Gedanke: „Super, die Blockade ist gelöst!“ Mein zweiter Gedanke, als wir den unteren Teil des Spiegels plötzlich komplett lose in der Hand halten: „Scheiße.“
Des Rätsels Lösung: Das verfluchte Linksgewinde
Was ich in meiner unbändigen Schrauber-Wut völlig verdrängt (oder schlicht nicht gewusst) hatte: Viele Motorradhersteller verbauen bei den Spiegeln ein Linksgewinde.
Warum machen die das? > Das hat tatsächlich einen Sicherheitsgrund. Wenn der Fahrtwind oder ein Ast gegen den Spiegel drückt, sorgt das Linksgewinde dafür, dass sich der Spiegel wegdreht und lockert, anstatt bombenfest zu blockieren oder abzubrechen.
Blöd nur, wenn man von der falschen Seite mit roher Gewalt ranrückt. Statt die Kontermutter zu öffnen, habe ich sie mit aller Kraft noch weiter festgezogen. Und da bekanntlich nach „fest“ ganz schnell „ab“ kommt, habe ich das Gewinde der Spiegelstange sauber abgeschert.
Das traurige Ergebnis
- Der Spiegel: Totalschaden. Das Gewinde ist direkt an der Basis gebrochen (siehe Beitragsbild)
- Das Ego: Etwas angeknackst.
- Die Moral von der Geschicht‘: Wer ohne Plan „Das geht schon“ sagt, kauft am Ende zweimal.
Statt einer Fünf-Minuten-Aktion durfte ich mir also erst einmal im Netz einen neuen Original-Spiegel bestellen. Kostenpunkt: Unnötiges Lehrgeld.
Was lernen wir daraus?
Liebe Schraubergemeinde, lasst euch das eine Warnung sein. Wenn am Motorrad – besonders im Bereich der Lenkerarmaturen und Spiegel – eine Schraube ungewöhnlich fest sitzt, stoppt kurz und denkt nach.
- Prüft lieber zweimal, ob hier nicht ein Linksgewinde im Spiel ist.
- Dreht im Zweifel erst mal vorsichtig in die andere Richtung, um zu fühlen, ob sich was bewegt.
- Und wenn ihr euch unsicher seid: Ein Blick ins Forum oder das Handbuch schadet dem Biker-Stolz deutlich weniger als ein abgebrochenes Bauteil.
Zum Glück habe ich gleich in kleinanzeigen.de einen gebrauchten Spiegel gefunden. Ich warte jetzt auf den Postboten.
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